
Es geht an dieser Stelle nicht ganz chronologisch zu - soll es auch gar nicht - und der geneigte Leser, der nicht mit von der Partie war, hat möglicherweise einige Verständnisprobleme. Aber sei’s drum, das ist alles nicht so schlimm. Viel schlimmer ist: Bis auf die 19 Teilnehmer haben Sie wieder einmal ein ganz großes Eisenbahnabenteuer verpasst! Eines, was es möglicherweise nicht mehr so oft zu erleben gibt. Denn es steht schlecht um die kleine und doch so großartige Bahn. Diesen Eindruck werden Ihnen diese Zeilen vermitteln, auch wenn Sie nicht immer den roten Faden finden mögen. 19 Teilnehmer war die Obergrenze dieser ausgebuchten Fahrt, mehr lassen nämlich die vorhanden Übernachtungsmöglichkeiten nicht zu. Stilecht und spartanisch möchte man die Übernachtung im Gästehaus der Minenverwaltung nennen. Ein Flair aus Kolonialzeiten umwabert nicht nur das Gästehaus, die ganze Bahn hat ein unbeschreibliches Flair.
Dem Bericht von 2006 ist nicht viel hinzuzufügen. Die Zahl der Züge von Namtu nach Namyao zur Staatsbahn hat sich auf zwei bis maximal drei pro Monat verringert, wobei die Zahl der Wagen auf zumeist nur noch zwei gesunken ist. Der Gleiszustand hat sich weiter verschlechtert, auf der Fahrt von Namyao nach Namtu mussten wir fünf Entgleisungen überstehen, davon eine ernsthafte.

Es sieht eigentlich danach aus, als wenn die Strecke nach Namyao in ihrem Bestand gefährdet ist und nur der Abschnitt bis zum Steinbruch für die nächste Zeit erhalten bliebe. Allerdings befindet sich die Straße ebenfalls in einem abenteuerlichen Zustand, auch für birmesische Verhältnisse, wo sich die meisten Straßen in einem für mitteleuropäische Verhältnisse undenkbarem Zustand befinden. Die zweite Straßenanbindung hat es gar im letzen Monsun derart beschädigt, dass sie überhaupt nicht mehr befahrbar ist und somit nur noch die Straße nach Lashio existent ist. Unsere Busfahrer verweigerten sogar die Weiterfahrt nach Namtu. Birmesische Busfahrer sind ganz gewiss nicht zimperlich, wenn es um Schlaglochpisten geht. Das sagt eigentlich alles über den Zustand der Straße nach Namtu.
Man investiert sogar Geld in die Bahn, genauer in die Dampflokomotive Nr. 13, die eine neue Rohrwand und einen neuen Rohrsatz erhalten soll. Besser wäre zu sagen: man lässt Geld investieren. So einfach ist das aber nicht, denn obwohl unser Programm Monate im Voraus verbindlich bestätigt wurde, sandte man den Kessel ganze zwei Wochen vor unserer Fahrt zur Werkstatt in Mandalay, da Namtu diese großen Arbeiten nicht mehr ausführen kann. Damit war unser Ziel, mit dieser Lok nach Bawdwin zu fahren, natürlich nicht mehr erreichbar. Das Minenministerium sagte jedoch zu, für einen Obolus von 200 US-Dollar die Lok wieder zu komplettieren, damit wir wenigstens von der kalten Lokomotive ein Bild machen können. Diese 200 Dollar hat FarRail Tours investiert. Als wir die Maschine dann jedoch sahen, fehlte der Kessel. Dieser sei natürlich in Mandalay, wurde uns gesagt. Von den 200 Dollar wusste in Namtu niemand, man hatte lediglich den Auftrag bekommen, die Wasserkästen wieder auf den Rahmen zu setzten. So stand dann ein „Führerhaus-Wasserkasten-Rauchkammer-Rahmen-Gerippe“ vor uns, dass nicht nur diese 200 Dollar, sondern auch eine kräftige „Spende“ zu rechtzeitigen betriebsfähigen Herrichtung gekostet hatte. Nachfragen im Ministerium, was denn nun mit einer Rückzahlung von Geld wäre, liefen vollends ins Leere. Nicht nur das, auf der Rechnung tauchten weitere 200 Dollar auf, die als Schmiergeld an den Minister gezahlt wurden (wofür ist bis heute unklar, weil alles über die offiziellen Kanäle bestellt und bezahlt wurde), und noch einmal 165 Dollar, die für den Flug des Geldüberbringers in die neue Hauptstadt vonnöten waren. Letztlich hat dieser Abstecher nach Namtu mehr gekostet, als die letzten beiden Fahrten dorthin zusammen. Nur, dass wir diesmal weniger dafür bekommen haben. Was nicht heißt, dass wir weniger zum Fotografieren gehabt hätten, wie üblich gab es nach dem zweiten Tag schon besorgte Filmzählaktionen der Zelluloid-Fraktion. Selbst Pixelfreunde stießen im weiteren Verlauf teilweise an ihre Kapazitätsgrenzen. Aber es bleibt ein flaues Gefühl in der Magengegend, wenn Namtu wieder auf dem Programm erscheint. Das wird es zweifelsohne, denn die Bahn ist grandios. Die Unwägbarkeiten sind es aber auch ...

Der Zustand der Strecke hat sich im Abschnitt nach Namyao deutlich verschlechtert und es steht zu befürchten, dass man bald keinen Zug mehr dorthin fahren wird. Viele Entgleisungen, keine sichtbare Unterhaltung und auch kein erkennbares Verkehrsaufkommen. Das Verkehrsaufkommen nach Wallah Gorge ist unverändert, ebenso die Dichte der Lkw-Draisinenfahrten nach Bawdwin. Allerdings ist auch dort die Strecke abgängig, unsere Lokomotive entgleiste schon kurz hinter Tiger Camp, als eine Schiene der Last einfach auswich. Wir mussten die Lok dort zurücklassen und mit der Lkw-Draisine weiter fahren. Wenn Nr. 13 wieder betriebsfähig ist, dann fahren wir aber ganz bestimmt mit Dampf nach Bawdwin, versprach der neue Chefingenieur. Nun, das werden wir erst noch sehen.
Ansonsten war dem noch nicht so sehr mit der Materie vertrautem neuen Ingenieur unsere Fahrt recht unheimlich. Ich glaube fast, er hat den ganzen Tag, den wir auf der maroden Strecke von Namyao nach Namtu unterwegs waren, betend verbracht. Und weil die 1’C1’ n2 Nummer 42 technisch völlig am Ende war und ist (auch für diese Lok hatten wir eine Spende zur technischen Hilfe geleistet, die aber sicherlich irgendwo in der Verwaltung stecken geblieben ist), dachte man sich, es sei angebracht, die Lok nicht bergauf, sondern bergab fahren (besser rollen) zu lassen. Also hatte man sie vor unserem Eintreffen nach Wallah Gorge verschleppt und wollte sie für uns dann Tender voran mit einem Zug bergab fahren lassen. Welch tolle Idee! In einer abendlichen Diskussion konnte die Sache wieder hingebogen werden nur um die Lok zu holen müsse man in der Nacht hoch- und wieder herunter fahren. Dazu brauche man eine Diesellok und die schlucke selbstverständlich Diesel. Für 60 Dollar extra ließ sich das besorgen, und in der Nachtschicht wurde die Lok wieder nach Namtu gebracht. Naja, die Leute für diese Sonderschicht müssen auch noch bezahlt werden, es sind sieben Mann beteiligt. Portemonnaie abermals aufgeknöpft, und wieder ein paar Scheine herüber wachsen lassen ...

Ja, am nächsten Morgen stand sie da und unter Dampf, die Nr. 42. Stopfbuchsen kennt die Lok ja nicht (wie schon beim letzten Mal), so entströmte den Zylindern mehr Dampf als in Arbeit umgesetzt werden konnte. Das war aber nicht das ganze Übel der Kesseldruck brach bei jedem Öffnen des Reglers geradezu ein. Von der Abfahrt mit blasenden Sicherheitsventilen bis zum Lokstillstand bei völlig geöffnetem Regler verblieben teilweise ganze 200 Meter Fahrtstrecke. Dann war wieder zehn bis 20 Minuten Dampfkochen angesagt. Die Kohle verdiente diese Bezeichnung auch nicht wirklich. In der Schlackeproduktion war sie unübertroffen, ansonsten hätte wohl Feuerholz einen höheren Heizeffekt gehabt. Die Hauptursache des jämmerlichen Versagens der Dampfproduktion dürfte aber wohl eher dem Umstand geschuldet sein, dass der Kessel einfach nie ausgewaschen wird. Ein Blick in die Feuerbüchse offenbarte dicke Ablagerungen an den Wänden, besonders der Rohrwand. Somit ist anzunehmen, dass auch feuerseitig nie etwas getan wurde, was der Verdampfungsfreudigkeit des Kessels hätte dienlich sein können. Mit diesem traurigen Gefährt schleppten wir uns also von Fotohalt zu Fotohalt, was schon nach einem halben Kilometer dazu führte, dass wir eine schiebende Diesellok verlangen mussten, die wir auch anstandslos bekamen. Man wusste ja, in welchem Zustand die Lok war, sonst wäre man nicht auf die Idee gekommen, sie bergab rollen zu lassen. Für die zusätzliche Diesellok fielen übrigens keine Kosten an, was die Bahn schon wieder liebenswerter macht.

Nachdem wir unser Vormittagsprogramm mit etwas Verspätung (wegen Dampfkochens) absolviert hatten, fuhren wir dann in Richtung Wallah Gorge. Weit kamen wir nicht: Beim Hereinholen der Lok in der Nacht entgleiste man bei Junction und beließ das Gleis nach dem Aufgleisen der Maschine einfach so, wie es war. Somit mussten wir vor dieser Stelle halten, und die Reparaturkolonne rückte an. Warum man das nicht am Vormittag schon getan hatte? Eine Antwort war nicht zu erhalten, so ist es eben einfach. Man hatte auch noch keine Planzüge an diesem Tag gefahren, eben weil das Gleis noch nicht repariert worden war. Das kostete wertvolle Zeit, und zusammen mit den Wolken, die uns ebenfalls Wartezeit bei unseren Aufnahmen abnötigten, kamen wir erst in Lopah an, als die Schatten bereits die Berge hoch krochen. Damit nicht genug. Man versuchte die Lok in Lopah auszuschlacken. Man werkelte und wirkte, aber nichts half, die Schlacke buk die Roststäbe derart zusammen, dass man keine Luft ans Feuer bekam. Als man dann sagte, es könne noch etwa 20 Minuten dauern, bis wir weiter könnten, gaben wir auf. Wir ließen Lok und Zug in Lopah zurück und fuhren mit der Diesellok und ein par Wagen zurück nach Namtu.

Am nächsten Morgen fuhren wir dann in einem der urigen Lkw-Draisinen wieder nach Lopah. Dort stand unsere Lok, unter Höchstdruck und abfahrbereit. Neben ihr lagen rund ein halbes Dutzend verschlackter Roststäbe. Man hatte nicht die Schlacke vom Rost entfernt, man hatte Teile des Rostes herausgeworfen! Das sei aber alles kein Problem, man hätte über Nacht Ersatzteile aus Namtu gebracht. Ach ja, und man baut Roststäbe ein, wenn Feuer in der Büchse ist! Die Feuerfestschlosser von Namtu können das vielleicht, es soll ja auch Feuerschlucker geben. Auf jeden Fall war die Dampfproduktion des Kessels gegenüber dem Vortag unverändert schlecht. Die Spirale wurde wohl durchfahren, das aber mit zwei Dampfkochhalten! Die Maschine legte auch recht gut Feuer, weshalb hinter uns ein Dieselzug mit Wassertanks und daraus schöpfenden Damen fuhr. Sie nässten den Oberbau hinter unserem Zug, damit nicht die letzten intakten Schwellen auch noch abfackelten. Bis Tiger Camp sind wir zu zahlreichen schönen Aufnahmen gekommen, weiter siehe oben.

Auf unserer Rückfahrt nach Namtu, das letzte Abendrot verglimmte am Himmel, ratterten wir mit unserem Schienen-Lkw die kurvenreiche Dschungelstrecke hinab. Plötzlicher Halt inmitten von nirgendwo, vor uns ein Lagerfeuer und ein entgleister Schienen-Lkw. Das war gar kein Lagerfeuer, das war die Beleuchtung zum Eingleisen! Wenn es nicht einen technischen Hintergrund gehabt hätte, eine bessere Eisenbahnromantiknacht mit rauschendem Fluss, urigen Lkw-Draisinen und einem Lagerfeuer hätte ich auch nicht arrangieren können. Aber die Entgleisung war schnell behoben, und so rumpelten dann zwei Schienen-Lkws im Sichtabstand ihrer Scheinwerfer hinunter nach Namtu. Genial!



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